
Es ist Mai – mein Geburtstagsmonat. Ich hab das vergangene Jahr mit einem Dankbarkeitsritual verabschiedet. Es ist Zeit für die Ideen und Pläne fürs nächste Lebensjahr und viele Jahre darüber hinaus. Ich hab Dutzende neuer Seminarideen im Kopf. Workshops für Speakerinnen, Seminare für Authentizität, Seminare für Improvisation, Seminare für ich-weiß-nicht-was-noch-alles. Es sprüht nur so vor Kreativität – in mir und um mich herum.
Im Kopf sind die Ideen zunächst mal gut aufgehoben und flattern wie Konfetti unsortiert durcheinander. Gelegentlich verirrt sich ein Konfetti auf ein Blatt Papier und wird weiterverfolgt, wird weiterverarbeitet und landet letztlich als Seminaridee und fertiger Kurs auf meinem Schreibtisch, in meinem Online-Portal und irgendwann im Seminarraum mit meinen Lieblingskunden.
Die meisten konfetti-artigen Ideen schaffen es jedoch nie, vom Gedankenblitz, von der Blitzidee zu einem neuen Konzept.
Weil sie halt wild durcheinander und unsortiert sind. Das macht sie so bunt und fröhlich – so sind sie ein wesentlicher Teil meines persönlichen kreativen Prozesses. Und jetzt kommt die spannende Frage:
Richtig! Gar nicht.
Sie ist da und gleichzeitig weg. Sie ist vorhanden als Geistesblitz – und gleichzeitig kann ich nicht mehr drauf zugreifen. Ich weiß nur noch „da war was…“ – Wenn ich Glück habe, fällt es mir wieder ein. Irgendwann, wenn ich vielleicht grad beim Friseur sitze.
Ein Sortiersystem muss also her. Ein Genialeideensammelsortierundweiterverarbeitungstool oder sowas. Ja, ich höre schon einige von euch sagen „da nimm doch das Tool xy – oder dein Smartphone – oder …“
Ich habe es versucht. Mit zahlreichen Onlineboards, mit Notizenfunktion, mit Diktierfunktion auf dem Handy. Alles nett. Aber so richtig glücklich bin ich nicht damit. Denn ich gucke es meistens nicht wieder an…
Mit farbigen Filzstiften, glattem Papier, mit Flipchartblöcken oder der Rückseite vom Wandkalender des letzten Jahres. Weil meine Hände und mein Gehirn dann eine einzigartige Verbindung eingehen. Das ist etwas, was „digitale Intelligenz“ nicht schafft. Nicht für mich.
Die Rückseite von Wandkalendern z.B. ist glatt und groß. Hier kann ich brainstormen und so manches Konfetti aus meinen Gedanken taucht wieder auf und lässt sich aufschreiben. Manche davon passen sofort in eine Unterkategorie: zum Beispiel bei Seminar-Aufbau oder bei Visualisierung oder bei Stories und Metaphern.
Andere sind „Soda“-Konfettis. Sie sind einfach so da. Soda. Und werden ebenfalls aufgeschrieben. Ich habe zahlreiche dieser Bögen mit bunten Ideen. Die müssen gelagert werden, denn wenn sie alle an der Wand hängen, dreh ich durch. Zuviel Zeugs, was mich ablenkt. Ich hab meine Wände gern leer. Höchstens mal ein Bild.
Diese Hand-Hirn-Koordination, wie ich es nenne, ermöglicht mir, räumlich zu denken. Ich beginne in Bildern und Strukturen zu denken. Ich merke mir die einzelnen Cluster – ich weiß genau, dass auf dem Blatt rechts oben „Lampenfieber“ steht und daneben, sternförmig, all die Tools, die ich kenne, um entspannt auf der Bühne oder im Online-Meeting zu reden. Ein zweiter Stern – oder eine Wolke – hat all die Menschen vereint, die unter Lampenfieber leiden. Und das sind nicht nur diejenigen, die noch nie vor anderen gesprochen haben und jetzt auf Social Media für ihr Produkt werben wollen. Nein, es sind ganz oft auch die Profis, die alten Hasen auf der Bühne, die in manchen Situationen fast durchdrehen, weil sie plötzlich vor einem Auftritt ins Zittern kommen.
Meine Hand steuert und strukturiert also meine Denkprozesse – und meine Denkprozesse steuern meine Hand. Ich finde mich wieder zurecht, weil ich räumlich aktiv bin, etwas anfassen kann. Das ist auch die Grundlage vieler Gedächtnistrainings.
Wenn ich dagegen alles in meinen Computer tippe, dann sitze ich da und tippe. Dann ist jede Handbewegung gleich. Egal ob ich Word nutze – oder eine Tabelle – oder ein Board zum Pinnen meiner Ideen. Jedes dieser Tools ist klasse – ABER es ist dieselbe Körperhaltung, dieselbe Handbewegung. Es ist sortiert, gespeichert – und weggeräumt. Es ist aus meinem Kopf draußen und ich finde es normalerweise auch wieder.
Doch mir fehlt was. Mir fehlt die Haptik. Mir fehlt das Glücksgefühl. Sobald ich mit bunten Filzstift über ein glattes Papier fahre, bin ich glücklich. Ich freue mich, es macht Spaß, ich lächle dabei. Wenn ich am Flipchart schreibe und male, ist sogar noch mehr aktiv als nur meine Hand. Da ist der ganze Arm, der ganze Körper in Bewegung. Da nehme ich mit einem Schritt zurück Distanz ein – und betrachte die Ideensammlung aus der Ferne. Oder von der Seite … es ist wie Tanzen.
Mein Arbeitszimmer sieht nach einer solchen Brainstorming-Orgie aus wie Sau. Überall Zettel, überall Blöcke, überall Stifte. Aber mein Kopf ist wieder klar. Klar genug, um aus all den notierten Ideen neue Verknüpfungen zu erstellen. Seminare zu entwerfen, die es so noch nicht gibt.
So ist übrigens auch mein Online-Kurs (für Einsteiger) entstanden: „Authentic on Stage“. Auch das waren mal Konfettis in meinem Hirn – und haben es auf viele Blätter Papier geschafft. Jetzt ist eine Masterclass über Authentizität draus geworden, der dir sofort die Zuversicht gibt, dein Expertenthema auch anderen vorzustellen.
Nutze ich für meine Ideen auch KI? Nun, dieser Text ist ausschließlich von mir und weder mit KI erstellt noch überarbeitet worden. Aber das ist ein anderes Thema und vielleicht ist es mir irgendwann einen eigenen Blogbeitrag wert.
Beitragsfoto: (c) Evi Anderson-Krug. Selbst fotografiert und nicht mit KI erstellt.