Coach-Ausbildung online? Ja, funktioniert!

Mein Terminkalender war rappelvoll. Ich war als Trainerin gut gebucht und hatte in den nächsten Wochen einige mehrtägige Seminare – fast jede Woche woanders, quer durch Deutschland. Ich freute mich riesig, die Bahntickets waren schon längst gekauft, die Hotels gebucht, die Flipcharts gezeichnet. Und ich freute mich auf die ganzen Teilnehmer, die sich weiterentwickeln und persönlich wachsen wollten: in NLP-Ausbildungen, bei innerbetrieblichen Trainings, in der Weiterbildung zum Coach oder Trainer.

Dann kam die Pandemie. Die Absagen kamen schneller rein, als ein Politiker das Wort „Ausgangsbeschränkung“ aussprechen konnte. Nahezu alle Aufträge im April waren futsch. Und in wenigen Tagen sollten drei Seminartage einer laufenden Coach-Ausbildung stattfinden. Ich musste nicht lange überlegen – ich liebe es, Seminare zu geben – und eine Absage war keine Option.  Präsenzseminare waren aktuell verboten – es blieb nur die Online- Veranstaltung.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, wie ich das bewerkstelligen wollte. Ein solches Training lebt schließlich von der Interaktion mit den Gruppenmitgliedern. Noch dazu, wenn es sich um eine berufsbegleitende Coach-Ausbildung handelt,  bei der die Teilnehmer ihre Coaching-Kompetenz  praktisch erproben sollen. Und das alles virtuell, jeder in seinem Kämmerchen? Kann das funktionieren? Ein wenig Skepsis blieb. Ich klickte mich durch Video-Tutorials diverser Anbieter, die alle die perfekte Lösung versprachen. Sah im Prinzip alles ganz einfach aus. Ich entschied mich für ein System, das auch die Möglichkeit bot, Teilnehmer in virtuelle Gruppenräume zu schieben und so den Austausch in Kleingruppen zu ermöglichen.

Und dann ging es los. Die wichtigste Frage, die mich im Vorfeld beschäftigte, war, ob ich virtuell Nähe zu den Teilnehmern herstellen und sogar für eine gute Gruppenatmosphäre sorgen kann. Ich war als Gasttrainerin dabei und kannte die einzelnen Teilnehmer noch nicht. Daher war es mir wichtig, erst einmal Sicherheit zu vermitteln. Ich schickte ihnen vorab die Seminarzeiten und festgelegten Mittagspausenzeiten, damit sie hier die Pause mit ihren Familien planen konnten. Außerdem bekamen sie die ersten wichtigen Tipps zum Einwählen in die Videoplattform mit der Möglichkeit, ihre Kamera und Mikrophone vorab zu testen. Und für Notfälle meine Telefonnummer, falls jemand partout nicht in den virtuellen Seminarraum hineinfand oder die Technik streiken sollte.

Zu meiner großen Begeisterung funktionierte es hervorragend. Punkt 15.00 Uhr am Freitagnachmittag waren alle da, zugeschaltet mit Kamera und Mikro, auf Sendung aus den heimischen Wohnzimmern oder Arbeitszimmern. Nach einer allgemeinen Frage, ob mich alle gut sehen und hören können, erklärte ich kurz die einzelnen Funktionen der Videoplattform, die  Chat-Funktion für Fragen an mich, die Möglichkeit, Kamera und Mikro stumm zu schalten etc. Das ein oder andere Mikro wurde nachjustiert, lauter gestellt, allgemeiner Soundcheck in der Runde, die ersten Lacher, wenn jemand gar zu abgehackt rüberkam oder die Stimme so blechern klang wie ein schlecht programmierter Roboter.

Die Stimmung war gut, die Teilnehmer freuten sich, einander wiederzusehen – und den ersten Lacher erntete ich dann gleich mit meiner Frage an die Homeoffice-Runde, die ich gern zu Beginn eines Seminars stelle „Habt ihr alle gut hergefunden und einen guten Parkplatz gekriegt?“ Die kurze Vorstellungsrunde nutzten wir auch für humorvolle Kommentare zur aktuellen Ausgangsbeschränkung und den privaten Räumlichkeiten, die im Bild zu sehen waren. So saß beispielsweise ein Teilnehmer seit Wochen mit seiner Familie in einer Berghütte in Österreich fest, und erfreute uns mit einer rustikalen Holzwand im Hintergrund, umrankt von bunten Vorhängen, die den Blick ins Tal versperrten. Er nahm es sportlich, freute sich an der Bergwelt, der guten Versorgung mit Lebensmitteln und der Möglichkeit, bei einer stabilen Internetverbindung ganz normal aus dem Urlaubsort heraus für seine Firma arbeiten zu können.

Dieser Wunsch nach „ganz normal“ war offenbar ein Bedürfnis aller in dieser Runde, denn die Freude darüber, dass dieses Ausbildungswochenende „ganz normal und geplant“ stattfand, wurde mehr als einmal betont. So wurde es auch ein „ganz normaler“ Block der laufenden Coach-Ausbildung, mit allen geplanten Themen, Übungen, Einzel- und Kleingruppenarbeit, Partner-Coachings, Feedbackrunden und viel gemeinsamem Spaß. Die Seminarzeiten waren genauso wie beim Präsenz-Seminar.

Mit einigen kleinen Änderungen. Selten hatte ich einen so durchgeplanten Seminarleitfaden erstellt: Wie lange blende ich die einzelnen Präsentationsfolien ein? Wie sorge ich dafür, dass die Arbeitsaufgaben klar sind, wenn ich keine zusätzlichen Infos an ein Flipchart schreiben kann? (Das angeblich verfügbare virtuelle Whiteboard war bei mir aus unerklärlichen Gründen technisch nicht zu finden.) Wann mache ich eine Einzelübung, wann findet ein Austausch mit einem Partner statt? Wie lange geht die Übung in der Kleingruppe? Dies legte ich bereits im Vorfeld minutiös fest. Mein Fahrplan lag jederzeit in Sichtweite neben meinem Notebook. Denn anders als in einem echten Seminarraum live vor Ort, in dem ich alle Teilnehmer im Blick habe und spüre, wenn eine Pause nötig ist oder eine Aktivierungsübung frische Energie bringt, hatte ich jetzt diese Möglichkeit nicht. Im Seminarfahrplan baute ich deshalb schon im Vorfeld jede Menge Abwechslung der Methodik ein, um den Tag kurzweilig zu gestalten und das Energielevel zu steuern. Gleichzeitig gab es Sicherheit für die Gruppe, wenn die Teilnehmer wussten, wie lange die nächste Übung geht und wann die Pause geplant ist, damit sich jeder kurz die Füße vertreten oder zur Toilette gehen kann. (Im Live-Seminar geht halt mal jemand kurz raus, wenn die Blase drückt. Hier hätte er die ganze Diskussion verpasst, ohne die Möglichkeit, sich danach von seinem Sitznachbarn flüsternd auf den neuesten Stand bringen zu lassen).

Das ganz normale Gruppengeschehen – eben mal kurz mit den anderen reden, in den Pausen oder nach einer Übung, fand dennoch statt. Es funktionierte einfach. Die virtuelle Seminarschaltung hatte ihre eigenen Reize und unterhaltsamen Effekte. Gerade die Video-Einblicke in die privaten Räume sorgten dann für besondere zwischenmenschliche Nähe. Etwa, wenn das Töchterchen sich mal kurz auf den Schoß des Papas setzte oder mit großen Augen in die Kamera blickte. Oder wenn ein Stück Kuchen für den fleißigen Seminarbesucher ins Bild gereicht wurde und wir Zuschauer ein kollektives Magenknurren entwickelten.

Großartig war die Möglichkeit, die Gruppe zu teilen und in virtuelle Gruppenräume, sogenannte „Breakout-Rooms“ zu schicken. Dafür gab es ein konkretes Tool: ich legte am Bildschirm fest, wie viele Räume ich brauche und das Programm rechnete automatisch aus, wie viele Teilnehmer dann pro Kleingruppenraum zusammensitzen und sich austauschen konnten. Ich konnte auch gezielt Teilnehmer auswählen, die zusammen arbeiten sollten. In den Breakout-Rooms waren sie dann automatisch mit Kamera und Mikrophon miteinander verbunden und konnten loslegen. Ich als Moderatorin konnte in jede Gruppe eintreten und mich zuschalten. Entweder nur zuhören oder auch ergänzen, Feedback geben, Impulse geben. Von jedem virtuellen Raum konnte ich direkt in den nächsten Raum gehen, ohne meinen Sitzplatz zu verlassen. Es war ein wenig spooky, doch gleichzeitig auch lustig, wenn ich mitten in ein laufendes Coaching hineingeriet, ohne dass sich jemand davon unterbrechen ließ. Ab und zu gab es dann einen Kommentar „Ach, Evi ist hier!“ Vor allem die Arbeit in Zweier- oder Dreierteams war unglaublich produktiv und auch humorvoll. Am Samstagabend (das Thema war provokatives Coaching) war eine dermaßen gelöste und humorvolle Stimmung in der Runde, ich blickte nur in lachende Gesichter, die Stimmung war einfach klasse und energiegeladen.

Die Technik und die Internetverbindung waren erstaunlich stabil, obwohl aktuell wohl die halbe Welt online war. Ab und zu flog mal wieder jemand aus dem Seminarraum und wählte sich nach einigen Augenblicken wieder ein. Auch mir passierte es, dass ich plötzlich die Meldung hatte „Kein Internet“ und meine Gruppe verschwunden war. Ein Ruckeln, ob das LAN-Kabel richtig sitzt, Kontrolle der Internetstärke, ein Anflug leichter Panik – und dann war ich wieder zugeschaltet und fand geduldig wartende Teilnehmer vor, die mir sagten, was sie von meiner Präsentation noch mitbekommen hatten, bevor ich rausgeflogen war. Wenn das Mikro holperte, sprach ich betont langsam, so dass auch das noch zu verstehen war.

Es hatte seinen ganz besonderen und eigenen Charme, dieses virtuelle Training. So hatte ich während der Mittagspausen die Verbindung aufrecht gelassen und nur alle Mikros und Kameras ausgeschaltet. Wenn ich dann nach dem Mittagessen wieder zum PC ging, hörte ich schon zwei Meter vor meinem Arbeitszimmer, dass einige Teilnehmer bereits anwesend waren und sich munter unterhielten. Das war richtig toll, so lebendig und echt, wie eben auch live vor Ort. Und es gab auch handfeste Vorteile: Die üblichen Staus, die sich im richtigen Seminar oft vor den Toiletten oder der Kaffeemaschine bilden, fehlten. Es gab pro Teilnehmer einen Kaffeeautomaten und ein Klo – das war wirklich Luxus. Deshalb war auch jeder pünktlich wieder da, sobald wir nach einer Pause weitermachen wollten. Klare Uhrzeit – klarer Beginn. Auch die langen Überlegungen, ob man gemeinsam essen geht – und wenn ja, wohin – entfielen. Jeder hatte seine Lieblings-Ernährungsform griffbereit (es sei denn, der Kühlschrank war leer.)

Die Feedbacks der Gruppe waren dann auch überwältigend. Nahezu jeder und jede war vorher skeptisch gewesen, wie es laufen würde, und jetzt waren alle begeistert. Vor allem hatten einige die Sorge, dass es furchtbar langatmig und anstrengend werden könnte. Hier ein paar mitnotierte Kommentare, Originalton „ich war wirklich begeistert, wie man auf diese Art miteinander arbeiten konnte“, „superschönes Wochenende!“, „Evi, Du hast das sensationell gemanagt, mit allen Hürden und technischen Pannen, vielen Dank an Dich!“

Und so gingen diese drei Tage rasend schnell vorbei, mit viel Freude und Abwechslung. Ich sage allen Teilnehmern DANKE, dass sie sich drauf eingelassen und so aktiv und großartig mitgearbeitet haben. JA – und klare Aussage: ich werde wieder online auf Seminarsendung gehen (dann vielleicht mit einem zusätzlichen externen Mikro oder guten Headset).