Ikigai – den Sinn im Leben finden

Coaching, um sein Ikigai zu finden – oder: was ist dein Grund, morgens aufzustehen?

Immer wieder kommen Menschen zu mir ins Coaching, die im Umbruch sind, die „sich im Kreis drehen“ und aktuell nicht wissen, welche Richtung sie einschlagen sollen. Fast immer sind es Personen, die mit beiden Beinen im Leben stehen, beruflich viel erreicht haben und eigentlich zufrieden sind. Und die durchaus in der Lage sind, sich Ziele zu stecken und sie umzusetzen.

Doch an einem gewissen Punkt reicht das nicht mehr. Irgendetwas fehlt – und sie können nicht benennen, was es ist. Manchmal ist ein äußerer Auslöser wie Trennung, Kündigung oder Krankheit der Grund, neue Wege einzuschlagen, nach einer neuen Orientierung zu suchen. Manchmal ist es aber auch nur „so ein Gefühl“, die Erkenntnis, dass bisherige Ziele keine Gültigkeit mehr besitzen. Oder nicht die erhofften Ergebnisse, Glück, Erfüllung gebracht haben.

Oft steckt der Wunsch dahinter, dem eigenen Leben mehr Tiefe und vor allem mehr Sinn zu geben. Die Suche nach Sinn ist nichts Neues, und dennoch ein Vorhaben, das an eine Schatzsuche ohne Karte erinnert. Die Suche nach einem Schatz, den man in sich selbst zu finden erhofft. Doch wie geht man dabei vor? Einfach drauflos laufen und hoffen, irgendwas zu finden? Aufmerksam und achtsam sein, ob mir der Sinn irgendwie in den Sinn kommt? Oder zielstrebig aufbrechen, mit konkret benennbaren Zwischenschritten? Und vor allem: wie kann ich als Coach Menschen dabei begleiten, diesem Sinn auf die Spur zu kommen?

Vor einiger Zeit stieß ich auf den Begriff des „Ikigai“, das aus dem Japanischen übersetzt in etwa bedeutet „der Grund, morgens aufzustehen“, mit anderen Worten, einen Lebenssinn. Es beschreibt zudem eine Haltung, die maßgeblich daran beteiligt ist, ein langes, gesundes Leben zu führen. Auf der japanischen Insel Okinawa leben weltweit die meisten Hundertjährigen. Das Geheimnis ihres langen Lebens setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen. Aspekte sind z.B. eine gesunde Ernährung mit viel Gemüse, tägliche, moderate Bewegung, ein Leben in Gemeinschaft mit Freunden und Familie. Doch vor allem gilt ihre Lebenseinstellung als wesentliches Motiv für dieses hohe Alter. Sie haben diesen einen Grund, am Morgen aufzustehen. Sie haben ihr Ikigai, einen Sinn in ihrem Leben gefunden. Und sie haben keine Veranlassung, damit aufzuhören oder sich irgendwann zur Ruhe zu setzen. Weil sie lieben, was sie tun. Doch Ikigai ist mehr als das.

Den Grundgedanken des Ikigai nutze ich gern als Coaching-Ansatz, als Landkarte und Wegweiser, um meine Klienten auf der Suche nach ihrem Lebenssinn zu begleiten. Es bietet eine Struktur, die ich zusammen mit dem Klienten für eine aktuelle Positionsbestimmung nutzen kann. Es gibt zudem einen Hinweis, in welche Richtung wir uns bewegen könnten. Gleichzeitig lässt es viel Raum für das Unerwartete, für Überraschungen und für neue Entdeckungen, die nicht planbar sind, sondern einfach geschehen.

Er besteht im Wesentlichen aus vier Fragen, die wir uns stellen sollten, und aus deren Schnittmenge letztlich der Kern, das Ikigai ersichtlich wird.

Zeichnung: Evi Anderson-Krug
Zeichnung: Evi Anderson-Krug

Die Fragen sind:

  • Was liebe ich?
  • Was kann ich gut?
  • Wofür werde ich bezahlt
  • Was braucht die Welt von mir?

Die einzelnen Bereiche sind kreisförmig dargestellt. Jeweils zwei nebeneinander liegende Kreise überschneiden sich. Die Schnittmengen daraus bilden unsere Leidenschaft (Passion), unseren Beruf (Profession), Berufung (Vocation), unsere Aufgabe (Mission).

Wenn alle Segmente mit Leben gefüllt sind, wenn wir lieben, was wir tun, wenn wir gut darin sind, wenn jemand uns dafür bezahlt und wenn die Welt das von uns braucht, finden wir im Zentrum unser Ikigai.

Meist wird schnell deutlich, wo aktuell Entwicklungsbedarf herrscht. Die Leitfragen der jeweiligen Segmente, um tiefer einzusteigen sind etwa:

Was liebe ich?

  • Was begeistert dich?
  • Was kannst du unendlich lange tun, ohne müde zu werden?
  • Wodurch geht dein Herz auf?
  • Wann bist du im Flow?
  • Worüber könntest du stundenlang reden?
  • Wie würdest du deinen Tag verbringen, wenn du ausreichend Geld zum Leben hättest?
  • Was hast du als Kind geliebt?
  • etc.

Was kann ich gut?

  • Was sind deine Talente?
  • Was hast du gelernt? Ausbildung, spezielle Hobbies?
  • Kannst du mit den Ohren wackeln? Auf zwei Fingern pfeifen? Notiere auch solche Dinge.
  • Worüber hast du schon viel gelesen? Welche Bereiche interessieren dich da?
  • Was sagen deine Freunde über dich und deine Talente?
  • etc.

Wofür werde ich bezahlt?

  • Was ist dein Beruf?
  • Woher beziehst du dein Einkommen?
  • Aktiv oder passiv?
  • Welche Einkommensquellen hast du?
  • etc.

Was braucht die Welt von mir?

  • Was erfüllt dich mit Sinn?
  • Was entspricht deinen Werten?
  • Was soll einmal übrig bleiben, in Erinnerung bleiben, wenn du nicht mehr da bist?
  • Was brauchen andere Menschen von dir? Was macht dich ganz persönlich aus?
  • Was kannst du besser, schneller als andere?
  • Welche deiner Handlungen wirken sich positiv auf andere Menschen aus?
  • etc.

Vielleicht entdecken Sie ja bei der Beantwortung der Fragen den ein oder anderen Bereich, zu denen Ihnen gerade wenig einfällt. Oder ein Segment, das vielleicht gerade zu kurz kommt. Möglicherweise lohnt es sich, da näher hinzuschauen.